Unternehmensnachfolge bei ambulanten Pflege- und Betreuungsdiensten
[Ausschnitte aus dem im Juli erscheinenden Beitrag „Reibungsloser Übergang“ von meinem Kollegen Thomas Sießegger und mir in der 25-jährigen Jubiläumsausgabe der Fachzeitschrift „Häusliche Pflege“.

WAS IST DER GRUND, DASS IN DEN NÄCHSTEN JAHREN SO VIELE UNTERNEHMENSNACHFOLGEN ANSTEHEN?
Die Pflegeversicherung im Jahre 1995 und die damalige „Aufbruchstimmung“ ermöglichte vielen Mitarbeitern von Sozialstationen, aber auch aus der stationären Pflege, sich selbständig zu machen, und einen eigenen ambulanten Pflegedienst zu gründen, da das Risiko, sich selbständig zu machen, gering war. Die Schwelle für die Selbständigkeit war niedrig, da bei einem eventuellen Scheitern jederzeit die Pflegefachkräfte wieder im Krankenhaus oder Altenheim oder in der ambulanten Pflege bei anderen Trägern eine Anstellung finden konnten.

Meist waren es schon gestandene Mitarbeiter mit eigenen neuen und innvativen Vorstellungen, die in den Sozialstationen wenig Gehör fanden, meist so um die 30 bis 35 Jahre alt.
Und heute ist ein Großteil dieser Inhaber/innen 55 bis 60 Jahre alt. Zeit, über einen Unternehmensübergang nachzudenken.

Erstaunlich ist, dass sehr viele inhabergeführte Pflegedienste immer noch vergleichsweise klein sind. Die neueste verfügbare Statistik aus dem Jahr 2015 verweist auf 8.230 Pflegedienste, das sind 61,8%, die unter 50 Pflegebedürftige haben.

Sie stoßen an Grenzen in der eigenen Struktur, weil sie nicht rechtzeitig vorgesorgt haben, um weiter wachsen zu können, und fühlen sich auch in ihrer „Größe“ ganz wohl, und können bis heute meistens auch ganz gut davon leben.
Strategisch durchdacht ist das aber nicht. Der Trend geht ganz klar
– einerseits in Richtung Größe und Wachstum
und
– auf der anderen Seite hin zu einem vernetzten Angebot

Daher gibt es auch vielfach Sorgen um die Zukunft, neben dem Wunsch, die Verantwortung und Belastung abgeben zu wollen.

KLEINE UND SOLITÄRE PFLEGEDIENSTE WERDEN IN ZUKUNFT EHER SCHWIERIGKEITEN BEKOMMEN, WEITER ERFOLGREICH ZU SEIN.

Aus Sicht eines Patienten oder Angehörigen ist der Pflegedienst interessant und zukunftsfähig, der möglichst viele Angebote aus dem nach und nach benötigten Pflegeangebot selbst oder in Kooperation anbieten kann.
Hinzu kommen auch aus Sicht der Pflegeträger die Erkenntnis und Erfahrungen, dass trägerinterne Versorgungsketten oder Pflegenetzwerke Marktvorteile im Wettbewerb darstellen und auch Synergieeffekte für die Träger ermöglichen.

Je umfangreicher ein Träger selbst oder in verlässlicher Kooperation mit anderen diese Leistungsangebote vorhält, desto stabiler und zukunftsfähiger ist er aufgestellt.
Siehe auch CareInvest 2.17: Versorgungsketten schmieden.

WERTERMITTLUNG
Die Bewertung eines Pflegedienstes ist sehr schwer und lässt sich kaum nach ganz objektiven Gesichtspunkten durchführen. Es ist auf jeden Fall notwendig, die Strukturen und die Arbeitsabläufe von einem Experten zu untersuchen und zu bewerten.
Fachleute müssen dazu die Prozesse und die Strukturen untersuchen und in der Lage sein, diese zu bewerten.
Die Wertfindung (Due Diligence) bezeichnet das Verfahren, bei dem versucht wird, den Wert eines Unternehmens festzustellen. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Verhandlungen zwischen zwei Parteien, einem Verkäufer und einem Interessenten an einem Pflegedienst.
Mit üblichen Verfahren der Unternehmensbewertung (Ertragswertverfahren, Substanzwertverfahren, Stuttgarter Verfahren, Discounted Cashflow Verfahren, usw.) lässt sich der Wert eines Pflegedienstes aber nur schwer feststellen. Diese Methoden sind weitgehend ungeeignet. Auch scheinbar einfache Faustformeln („Monatsumsatz x drei“) können den Wert nicht wirklich objektiv abbilden. Wer hat denn diese Formeln erfunden? Es gibt keinerlei Hinweise auf die Richtigkeit dieser Annahmen.
Das sind die grundsätzlichen Probleme unterschiedlicher Sichtweisen und unterschiedlicher Methoden.
Nur eine Kombination aus gängigen Verfahren (mit ihren verwendbaren Anteilen) und einer individuell für Pflege- und Betreuungsdienst erstellten Methode läßt den Wert des Dienstes einigermaßen objektiv ermitteln.
Das Ergebnis der Wertfindung des Unternehmensverkäufers kann sich zudem noch erheblich von dem Ergebnis der Wertermittlung des Käufers unterscheiden, je nach Wahl der Bewertungsmethode.
Eine Bewertung muss deshalb inhaltliche (weiche) Faktoren wie z.B. die Führungsstärke der PDL, die Potentiale der Mitarbeiter, den Ruf, das Erscheinungsbild, die Bewertungen des Dienstes und vieles mehr berücksichtigen. Die wirtschaftlichen („harten“) Fakten wie z.B. Umsatz, Überschuss, usw. bilden lediglich die Grundlagen für die Duel Diligence.
Wertsteigernde und wertmindernde Faktoren müssen – geschätzt und bewertet von Fachleuten für ambulante Pflege- und Betreuungsdienste – einbezogen werden.

DIE AUFRECHTERHALTUNG VON WERTEN BEI EINER ÜBERNAHME
Dies soll an ein paar Beispielen aufgezeigt werden. Um wertsteigernde Faktoren aufrecht zu erhalten und ggf. für einen Interessenten bzw. potentiellen Käufer zu sichern, muss ein Übergang vorsichtig gestaltet werden, v.a. in Hinsicht auf die Bewahrung und den Ausbau dieser Faktoren.
• Übernahme der bisherigen PDL (wenn sie „gut“ ist)
• Weitgehende Übernahme der jetzigen Mitarbeiter
• wenn möglich keine Verschlechterung der Arbeits- und Entlohnungs-Konditionen, da sich dies ansonsten negativ auf die Motivation der Mitarbeiter auswirken wird.
• Gemeinsames Vorstellen des neuen Trägers mit der Zusicherung und der Information gegenüber den Patienten und der Bevölkerung, dass sich die Leistungsversorgung zukünftig noch weiter verbessern wird. Der Übergang muss sensibel kommuniziert werden.
• Die Unternehmenskultur des bisherigen Pflegedienstes ist sorgsam zu erfassen und sollte im neuen Unternehmen wertschätzend aufgehen können und integriert werden
• Der Name des Pflegedienstes sollte in den meisten Fällen beibehalten werden, da mit diesem Namen meist ein (guter?) Ruf verbunden ist.
Zumindest lässt sich im Untertitel oft die Kontinuität in der Kundenbindung besser gewährleisten, z.B. der neue Pflegedienst heißt:
Caritas-Sozialstation Hintertupfingen
– vormals Pflegedienst Henriette Meier –
Schrittweise lässt sich dann eine komplette Namensänderung durchführen.

WAS SIND BEI EINER UNTERNEHMENSNACHFOLGE WEITERHIN ZU BEACHTEN: DIE SORGEN UND WÜNSCCHE DER INHABERGEFÜHRTEN PFLEGEDIENSTE

Vier Hauptziele und Wünsche haben wir immer wieder in unseren Beratungen, Bewertungen und Begleitungen gehört:
1) Der Pflegedienst soll gut oder wieder gut weitergeführt werden
2) die Mitarbeiter sollen weiterhin gut behandelt werden
3) und die Patienten sollen weiter gut versorgt werden
4) Als bisheriger Inhaber kann ich die Verantwortung und Belastung weitergeben und mich davon befreien
Für einen großen Teil der Inhaber von Pflegediensten ist ihr Pflegedienst ihr Lebenswerk. Mit hohem Engagement und Einsatz haben ihren Dienst so entwickelt, wie er nun dasteht.
Vielfach lebt der bisherige Inhaber in seinem Dorf, in seinem Stadtviertel oder Quartier und hat ein jahrelanges Netzwerk aufgebaut. Er ist persönlich bekannt. Manchmal schellen sogar abends oder am Wochenende Nachbarn bei ihm privat und bitten um seine Beratung in familiären Pflegesituationen.
Der frühere Inhaber will noch weiter in seinem Dorf, in seiner Stadt über die Straße gehen können und nicht angesprochen werden: An wen hast Du denn verkauft?
Daher ist für den bisherigen Inhaber sehr wichtig, einen verlässlichen und zukunftsfähigen Nachfolger, der seine Sorgen und Wünsche ernst nimmt, zu finden.
Letztendlich ist bei der Unternehmensnachfolge daher vom Käufer zu beachten, dass eine Menge Emotion, Sorgen, Hoffnungen, aber auch Befreiung beim bisherigen Inhaber vorhanden sind.
Dies alles ist bei der Bewertung und im Prozess der Beratung und des Übergangs zu beachten.

AUF WAS IST ZU ACHTEN BEIM UNTERNEHMENSÜBERGANG?
EINE ZUSAMMENFASSUNG IN 10 PUNKTEN

1) Frühzeitiger Beginn mit Überlegungen zur Unternehmensnachfolge
Bis zum 55. Lebensjahr sollten die eigenen Zukunftsüberlegungen (privat und geschäftlich) skizziert sein.
2) Gibt es eine familiäre Perspektive? Interessierte Mitarbeiter? Oder soll der Dienst an Dritte weitergegeben werden?
3) Der Unternehmensübergang teilt sich in mehrere Teilschritte auf:
a) die Beratung und Bewertung,
b) gegebenenfalls die Vermittlung des Pflegedienst
und
c) den Verkaufsprozess.
4) Einplanung von genügend Zeit für den bisherigen Inhaber und für den Nachfolger für den Nachfolgeprozess: 6-12 Monate können benötigt werden.
5) Notwendig ist eine fachliche Begleitung für die Bewertung des Pflegedienstes. Das fordert die Verantwortung
a) für ein mittelständiges Unternehmen (mit entsprechendem Umsatz), b) für eine Reihe von Mitarbeiter/innen, c) für die Patienten
6) Falls es keine familiäre oder innerbetriebliche Nachfolge gibt, wird eine fachliche Begleitung für die Vermittlung des Dienstes gegenüber einem Käufer notwendig sein.
7) Vertrauliche und transparente Kommunikation mit den bisherigen Leitungskräften und mit den Mitarbeiter/innen in Abstimmung mit dem Käufer, sobald sich die Übergabe verbindlich abzeichnet.
8) Gemeinsame Absprache mit dem potentiellen Käufer, um gemeinsam die weiteren Schritte bis zur Übergabe zu klären und um sie gegebenenfalls gemeinsam durchführen zu können.
9) Dem Nachfolger sollte eine echte Chance gegeben werden.
10) Abschließend ist eine positive Verabschiedung von den „bisherigen“ Mitarbeiter/innen zielführend und werterhaltend